Lehman Opfer
Zahlen ohne Gegenwert
Mitte des letzten Jahrzehnts war es immer üblicher bei amerikanischen Banken geworden, mit einer hohen Toleranz Kredite zu vergeben. Dies führte nun dazu, dass der Markt für Immobilienkredite sich stark vergrößerte. Kreditzinsen waren niedrig, Eigenheimpreise stiegen jährlich in zweistelliger Höhe – Grund genug, so meinten Verbraucher, sich keine Sorgen zu machen. Jungen US-Bürgern sowie Immigranten gegenüber wurde eine spezielle Sorte Hypothekenkredit eingesetzt (“Subprime-Hypothekenkredit”), der eigens für Menschen mit schlechter Bonität geschaffen wurde. Genauer gesagt: Einkommensverhältnisse wurden schlicht und ergreifend hier nicht überprüft. Von allen Kreditverträgen, die 1999 abgeschlossen wurden, hatten die “Subprime”-Kredite einen Anteil von 20 Prozent. 2006 waren es 36 Prozent – es konnte bereits von einer Art eigenen Finanzmarkt die Rede sein, die hier ihren Raum begann einzunehmen: Sein Wachstum wurde in der ersten Hälfte des ersten Jahrzehnts mit 800 Prozent festgestellt.
Weiterverkauf des Wertlosen
US-Banken vergaben also Kredite mit hohem Risiko. Um diese jedoch aus den eigenen Bilanzen zu entfernen, wählten sie die Möglichkeit, eine hohe Anzahl dieser Kredite als “Paket” an andere Finanzhäuser zu verkaufen: Die Bezeichnungen “Asset Backed Securities” (ABS) sowie “Mortgage Backed Securities” (MBS) sind hier zutreffend. Tatsächlich wurden Tausende von “Subprime”-Krediten gemischt mit bonitätsgeprüften Krediten als Kombination weiterverkauft – weltweit. Für die Käuferbanken schienen die hohen Renditen sehr attraktiv – gleichsam waren auch diese davon überzeugt, der Immobilienmarkt der USA sei in einem fortwährenden, steilen Wachstum begriffen. Pakete wie diese wurden hoch gehandelt und hoch gewertet.
Die ersten Konkurse
2004 erhob die Amerikanische Zentralbank den Leitzins, um Kreditvergabe und inländische Wirtschaft zu steigern: Immobilienpreise sanken, Zinsen stiegen. Die Folge: Kredite aus 2005 und 2006 können nicht zurückgezahlt werden. Die Folge: Zwangsversteigerungen von Häusern. Die Folge: Immobilienmarktpreise brechen ein. Die Folge: Die Wertpapiere, für die “Subprime”-Kredite als Sicherheiten gedient hatten, waren wertlos. Genau diese Tatsache nennt man Wirtschaftskrise. Zunächst unkontrolliert als Flächenbrand in den USA. Nichts anderes startete also die “Finanzkrise”, als dass ungedeckte Kredite weiterverkauft worden waren – an alle großen Banken, die dann unvermittelt feststellten, dass sie weit weniger Eigenkapital hatten, als sie angenommen hatten. Und noch etwas ergab sich: Misstrauen zwischen Banken. Traditionsgemäß leihen Banken einander kurzfristig ohne Sicherheiten. Doch nun nicht mehr. Man lieh einander nur noch gegen Sicherheitsaufschlag und erhöhte hiermit den Zinssatz.
Bear Stearns, Freddie Mac/Fannie Mae, AIG, Lehman Brothers Inc.
Lehman Brothers hatte den Rang der viertgrößten US-Investmentbank und war der größte Kredithändler im US-Immobilienmarkt. Es waren viele Tochtergesellschaften beteiligt, auch das Lehman Brothers Bankhaus AG in Frankfurt/Main. Wertpapiere mit einem scheinbaren Marktwert von 3,9 Milliarden Dollar wurden nun plötzlich wertlos, Lehmann meldete Insolvenz an – wie drei andere US-Banken auch: Bear Stearns, Freddie Mac/Fannie Mae, AIG waren die drei anderen, welche jedoch von der US-Regierung gestützt wurden. Lehmann Brothers erhielten keine Regierungshilfe – wie man heute weiß, ohne nachvollziehbaren Grund. Möglicherweise ging es der USA darum, ein Exempel zu statuieren – es hätte auch jeder andere zu genau dieser Zeit um einen Staatskredit gebeten haben können und wäre leer ausgegangen. Oder umgekehrt: Wären es Lehman Brothers gewesen, die an erster Stelle der vier Banken Konkurs angemeldet hätten, wären sie ohne Weiteres noch heute aktiv. (Nur noch zwei Banken blieben dem US-Markt dann tatsächlich noch erhalten: Goldman Sachs und Morgan Stanley).
Nicht Lehman, sondern die Regierung entschied
Die US-Regierung ließ Lehman nach 158-jähriger Unternehmensgeschichte fallen und erzeugte somit die in Deutschland sogenannten Lehman-Opfer. Zur generellen Situation in Deutschland: Banken sind an Entschädigungsfonds angeschlossen, des Weiteren sind Kundenguthaben durch Einlagensicherungssysteme geschützt – aber nicht bei genau der Art von Papieren, die deutsche Banken jedoch von Lehman erworben hatten. Lehman nämlich hatte sogenannte “Zertifikate” herausgegeben (formal gesehen: Wertpapiere in Form einer Anleihe bzw. Inhaberschuldverschreibung, deren Rückzahlung nach einem festen Muster erfolgt).
Nicht nur der Welt schadete dieser “Schachzug”, Lehman als einzige Bank nicht zu unterstützen, sondern der USA selbst. Aus den Stadtkassen San Mateos z. B., einer Stadt mit 750.000 Einwohnern, verschwanden an genau an jenem Tag, dem 15. September 2009, 155 Millionen US-Dollar, die in entsprechende Wertpapiere angelegt waren. Dutzende Lehrer wurden gekündigt, Neueinstellungen erfolgten bis heute nicht. Pendelverkehr wurde radikal eingeschränkt, Pläne für ein Frauengefängnis auf Eis gelegt. 148 Millionen US-Dollar, die von der kalifornischen Regierung hier für Bauprojekte zugesagt worden waren, konnten nicht ausbezahlt werden – entsprechend gingen 1.648 Arbeitsplätze verloren, weil sie nicht, wie geplant, geschaffen werden konnten. Nun besteht in der Gemeinde eine Arbeitslosigkeit von 9 %, doppelt so viel wie vor 18 Monaten – alles in allem verloren die ungefähr 30 Stadtregierungen Kaliforniens 250 Millionen US-Dollar. In der Gemeinde befindet sich der weltweite Software-Magnat Oracle Corp. und der Biotec Konzern Genentech. East Palo Alto, ein Stadtteil, hat nun 20 Prozent Arbeitslosigkeit.
Nicht Lehman, sondern die Citibank betrog
Somit waren es 50.000 deutsche Privatanleger (zusätzlich eine Anzahl von Bankinstituten), deren Lehmann-Papiere sich nun faktisch als wertlos herausstellten. Diese waren den Endkunden seinerzeit seitens der Banken mit einer erhöhten Verkaufsaggressivität und ohne pflichtgemäße Risikoaufklärung verkauft worden – wie den deutschen Verbraucherzentralen (am massivsten über die Citibank, auch über die Dresdner Bank) damals zur Kenntnis gelangte. Etwa sei es in diesem Zusammenhang üblich gewesen, Risikopapiere quasi als Spareinlagen zu deklarieren, wird von den beteiligten Verbraucherschützern entsprechend noch nachvollzogen. Über die Citibank war später bekannt geworden, dass sie gezielt ältere Kunden adressierte. Diese wurden dazu überredet, sichere Anlagen aufzugeben, um eben nicht einlagengesicherte, also mit hohem Risiko behaftete Lehman-Zertifikate zu erwerben. Rein rechtlich gesehen konnte die Bank nicht wissen, dass Lehman keine Regierungszuwendungen bekommen sollte. Aber sie hätte den Anlagetyp der “Zertifikate” als unsicher beschreiben können. Was definitiv nicht geschah. Und somit habe die Bank hier nicht anlage- bzw. anlegergerecht beraten oder irreführend geworben – dies sei aber durchaus nicht notwendigerweise nachweisbar, wenn die von der Bank fingierten Gesprächsprotokolle auf die Freiwilligkeit des Kunden hinweisen. 20 Verfahren sind noch derzeit vor dem Hamburger Landgericht angängig, täglich ergeben sich neue Richtersprüche in Deutschland, die den Opfern recht geben – in Einzelfällen werden den Betroffenen seit mehreren Monaten regelmäßig mehrere Tausend Euro Schadenersatz zugesprochen.
Denn um ganz andere US-Banken geht es wirklich
Strategien der Wall Street, die den “Subprime”-Verschleierungen ähnelten, denen Lehmann zum Opfer gefallen war, haben in den letzten zehn Jahren den Euro unterminiert – es waren US-amerikanische Banken, die Griechenland geholfen haben, dessen bereits neun Jahre anhaltende finanzielle Lage durch versteckte Kredite in Höhe von 300 Milliarden US-Dollar mit Zahlungsziel 2019 zu verschleiern. Mitte Februar 2010 veröffentlichte die New York Times, dass genau an Aktivitäten wie dieser insbesondere die Goldman-Sachs-Bank aktiv beteiligt gewesen war. 2001 bereits, gerade nach der Einführung des Euros in Griechenland, hatte Goldman Sachs dem Land geholfen, sich Milliarden zu leihen, ohne dass die Europäische Zentralbank darauf aufmerksam werden konnte. Dieses Vorgehen wurde der Öffentlichkeit vorenthalten – vielmehr wurde es als ein Währungsgeschäft getarnt, um Griechenland weiterhin zu ermöglichen, über seine Mittel hinaus Geld auszugeben und gleichzeitig den Regelungen der EU zu entsprechen. Im letzten Jahr lehnte Griechenland ein vergleichbares Geschäft jedoch ab. Eurostat, das Europäische Amt für Statistik, hatte bereits in seinem letzten Jahresbericht erwähnt, europäische Staaten würden bei Verträgen fiktive (bzw. weit höher als real benannte) “Selbstauskünfte” angeben, um die Europäischen Überwachungsinstanzen zu unterlaufen.
Es ist nicht so, dass die Krise vorbei wäre
Zu erkennen, wie es tatsächlich um Griechenland bestellt ist bzw. war, ist eine der bisher größten Herausforderungen an die Europäische Zentralbank. Große Weltbanken hängen direkt von der Situation ab, sollte es Griechenland verunmöglicht werden, seine Realschulden abzubauen, wäre dies nun weit deutlicher weltweit zu spüren als alles, was im abgelaufenen Jahrzehnt als Wirtschaftskrise der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Es war sicherlich nicht die Wall Street, die für Europas Schuldenprobleme verantwortlich zeichnet – denn die Verträge mit Griechenland übertraten in keiner Weise gesetzliche Rahmenbestimmungen. Die amerikanischen Banken nutzten lediglich die Gelegenheit, die sich ihnen bot: eine lohnende Zusammenarbeit mit Regierungsbehörden. Die Frage, die sich stellt: War es nur Griechenland, mit denen die US-Banken dergleichen Verträge schlossen? Das Prinzip, Kredite an nicht zahlungskräftige Kreditnehmer auszugeben ebenso wie jenes, die Aktenlage nicht danach aussehen zu lassen, erinnert an erst jüngst Vergangenes. Die Währungsverträge verletzend, führten Italien und Griechenland den Euro ein, obwohl sie seinerzeit weit mehr verschuldet waren, als die Union es eigentlich zuließ: Man hatte künstlich die Schulden verschleiert. 1996 war es bereits keine geringere als die US-Bank JP Morgan gewesen, die mit Italien dieselbe Art Vertrag schloss. Griechenland erhielt US-Bargeld bereits im Jahre 2000 – als Gegenleistung führte es die Regierungseinkünfte aus dem Lottogeschäft an den Handelspartner zurück. 2001 dann ging es um die erwähnte Flughafengebühr (hier wurden überdies noch auf Flughäfen und Autobahnen Hypotheken aufgenommen), 2005 und 2008 folgten noch weitere Verträge, 2009 stimmte Griechenland nicht mehr ein.
Im Übrigen gilt: Krise ist immer
Folgt man Niklas Luhmanns Gesellschaftstheorie, trifft man auf den Grundsatz, Gesellschaft werde dann realisiert, wenn Menschen miteinander kommunizieren. Damit sie dies unmissverständlich tun, hat die Menschheit, so Luhmann, bestimmte Medien (allgemein akzeptierte Ideengerüste) definiert, die jeweils den Hintergrund für bestimmte Kommunikations-Situationen bilden. Hier ist etwa gemeint: wenn wir am Straßenverkehr teilnehmen und jemandem anderen signalisieren, dass er passieren kann, folgen beide “Gesprächspartner” dem Ideengerüst “Wir befinden uns jetzt im Straßenverkehr”. Oder: Wenn es um bedruckte Papiere geht, die dem Ideengerüst “dieses ist bares Geld wert” entsprechen, geht es um das Verhältnis zwischen zwei Menschen, welches besagt, dass sie miteinander Geldwirtschaft betreiben.
Kommunikation besteht hier – vereinfacht gesagt – daraus, nur aus dem, was ich sprachlich oder per Signal mitteilen möchte, worauf hin ich eine Antwort erhalte, die in einer bestimmten Situation einem von Luhmann sogenannten “Medium”, nämlich einem Hintergrund folgt, vor welchem sich beide Sprecher gleichzeitig befinden. Ob Sprecher A aber daran morgen noch festhält, was er gegenüber Sprecher B heute sagte, kann nicht vorhergesehen werden. Möglich, dass es Sprecher B hofft, so etwas nennt man Vertrauen. Aber zwingend logisch ist dies nicht. Wenn Sprecher A Sprecher B etwas mitteilt, das für Sprecher B von Bedeutung ist, dies aber aus örtlichen Gründen nicht persönlich überprüfen kann, weiß er nicht wirklich. Oder er vertraut. Gleichwohl weiß Sprecher B nie, ob Sprecher A eine wichtige Information einfach nicht mitteilt.
Alles kann kommuniziert werden – gleichgültig, ob es sich auf Sachverhalte bezieht, die von einem Gegenüber so selbst in Augenschein genommen werden könnten (oder logisch klingen) oder nicht. Wenn ein Bankangestellter Kunden gegenüber sagt, sie könnten einen Kredit bekommen, auch wenn sie über gar kein Einkommen verfügen, und sein Gesprächspartner diese Kommunikation annimmt und nicht ablehnt (hier wäre eine Überprüfung nicht einmal möglich), ist dies der erste Fall, der darauf hindeutet, dass wir es bei der gesamten Globalen Krise nur mit gelenkter Kommunikation zu tun haben, die Informationen zurückhält. Die sich unberechenbar jederzeit wiederholen kann. Wertpapiere werden Käufern gegenüber so bezeichnet, sodass dieser keine Information darüber erhält, dass sie nichts wert sind. Diesem bliebe jedoch immer die Freiheit, dies zu überprüfen, indem er Dritte fragt. Was Banken untereinander erst begannen, als es zu spät war und wieder aufhören wollen. Es ist im Übrigen hier auch stets eine willkürlich (medien-)gelenkte Kommunikation gewesen, von “Lehmann-Opfern” zu sprechen. Es kann jederzeit überprüft werden, dass die Firma Lehmann zu ihren Kunden nicht in einem Täter-Opfer-Verhältnis stand, sondern selbst zum Opfer gegenüber Dritten wurde.
Um es kurz zu machen: Begebe ich mich in eine Situation (als Käufer, als Kunde) darf ich sicher hoffen, dass mein Gegenüber mir einen authentischen Gegenwert liefert. Hingegen ist jede Krise nichts anderes als die Erfahrung, dass etwas Gesagtes (ein Wert) mit etwas Überprüfbarem (einem Gegenwert) nicht übereinstimmt. Oder die nachträgliche Erfahrung, dass etwas nicht gesagt wurde (manchmal neun Jahre lang, wenn es darum geht, man nehme an, Griechenland sei schuldenfrei und der Euro sei stark, manchmal nur für ein Jahr wie bei der Entdeckung, dass Zertifikate wertlos waren). Wann dies in welchem Ausmaß geschieht – vermag niemand zu sagen. Gerade jetzt wird wieder sehr vieles verschwiegen (aus der Finanzwelt gegenüber den Medien oder gegenüber Behörden), was eine Information wert wäre. Anders gesagt: Die nächste Kommunikationskrise ist schon vorbereitet. Wenn es um einen Kommunikationshintergrund geht, vor welchem man mit Geld kommuniziert – kann man selbstverständlich schon jetzt von der nächsten Finanzkrise sprechen, die tatsächlich jetzt in diesem Moment in aller Härte bereits besteht, aber lediglich noch nicht als Information entdeckt wurde.
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